
Fachbeitrag · KI im Planungsbüro
KI im Architekturbüro:Was in der Projektabwicklung heute wirklich funktioniert
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Kurz gesagt
KI im Architekturbüro hilft heute vor allem dort, wo viel Text und viele Dokumente anfallen: beim Finden von Freigaben und Entscheidungen, beim Herausfiltern eigener Aufgaben aus E-Mails und Protokollen, bei Ausschreibungstexten, bei der Prüfung von Nachträgen und Rechnungen und beim Sichern von Projektwissen. Die meisten Büros nutzen künstliche Intelligenz in der Architektur bisher für Recherche, Texte und Visualisierung. Das größere Potenzial liegt in der Projektabwicklung, also in den Leistungsphasen 5 bis 9. Die fachliche Verantwortung bleibt dabei immer beim Architekten.
Ich habe 24 Jahre im Bauwesen gearbeitet, davon 17 Jahre in Führungsrollen: als Bauleiter, als Projektleiter bei ECE und zuletzt als Geschäftsbereichsleiter Projektrealisierung mit rund 80 Projekten und 4,5 Milliarden Euro Investitionsvolumen. Seit einigen Wochen beschäftige ich mich intensiv mit KI. In diesem Artikel beschreibe ich, was davon für Architektur- und Planungsbüros heute tatsächlich funktioniert und wo die Grenzen liegen.
Wie verbreitet ist KI in Architekturbüros?
- der Architekturbüros in Deutschland setzen KI ein
- 54,2 %
- waren es 2023 laut ifo Institut
- 6,9 %
- halten fünf Jahre Berufserfahrung für schwer oder nicht ersetzbar
- 86 %
54,2 % der Architekturbüros in Deutschland setzen KI inzwischen ein. 2023 waren es laut ifo Institut erst 6,9 %, ein Jahr vor der aktuellen Befragung 34,3 %. Weitere 12,3 % planen den Einsatz. (DAB, ifo-Umfrage)
Genutzt wird KI vor allem für Recherche und Texte, danach für Visualisierung sowie Planung und Entwurf. Protokolle, Berichtswesen und Dokumentation folgen erst auf Rang fünf. Rund zwei Drittel der Büros arbeiten mit kostenfreien Werkzeugen wie ChatGPT.
Bemerkenswert ist eine weitere Zahl: 86 % der KI-nutzenden Büros halten es für schwer oder unmöglich, fünf Jahre Berufserfahrung durch KI zu ersetzen. Das deckt sich mit meiner Erfahrung. KI ersetzt keine Erfahrung, aber sie macht vorhandenes Wissen schneller verfügbar.
Warum hat KI in der Projektabwicklung mehr Potenzial als im Entwurf?
Weil dort die meiste Zeit mit Suchen, Sortieren und Abgleichen vergeht. Ein großes Bauprojekt erzeugt tausende E-Mails, Protokolle, Pläne und Verträge, verteilt auf Postfächer, Projektserver und Ablagen. Die Information ist fast immer vorhanden, aber selten schnell auffindbar.
Dazu kommt das Wissen aus früheren Projekten des Büros: Lösungen, Details und Ausschreibungstexte, die sich bewährt haben und im aktuellen Projekt helfen könnten. Oft weiß nur, wer damals dabei war, dass es sie gibt. So wird vieles doppelt erarbeitet, was im Büro längst vorhanden ist.
Im Entwurf ist KI ein kreatives Werkzeug unter vielen. In der Projektabwicklung kann sie dagegen eine Aufgabe übernehmen, für die es bisher kein gutes Werkzeug gab: große Mengen an Projektunterlagen in normaler Sprache durchsuchbar zu machen. Dazu kommt ein strukturelles Problem der Branche: Die Produktivität am Bau ist seit Jahrzehnten kaum gestiegen. Einer der Gründe ist aus meiner Sicht, dass Wissen aus Projekten zu selten weitergegeben wird.
Die meisten Fachbeiträge zu KI in der Architektur behandeln Entwurf, Visualisierung und BIM. Die Leistungsphasen 5 bis 9 kommen kaum vor, obwohl dort die teuren Fehler entstehen.
KI für Architekten: Wofür lässt sie sich in der Projektabwicklung nutzen?
Fünf Anwendungsfälle funktionieren heute zuverlässig, wenn die KI Zugriff auf die eigenen Projektunterlagen hat:
Freigaben und Entscheidungen finden
- Leistungsphase
- LPH 5–8
- Was die KI übernimmt
- Durchsucht E-Mails, Protokolle und Projektserver, nennt Dokument, Datum und Absender
- Was beim Menschen bleibt
- Quelle prüfen, mündliche Absprachen klären
Eigene Aufgaben aus der Informationsflut filtern
- Leistungsphase
- alle
- Was die KI übernimmt
- Erkennt Aufgaben in Mails und Protokollen, sortiert nach Frist und Dringlichkeit
- Was beim Menschen bleibt
- Prioritäten setzen, Zusammenhänge einordnen
Ausschreibungstexte und Leistungsverzeichnisse
- Leistungsphase
- LPH 6
- Was die KI übernimmt
- Entwirft Positionstexte aus Referenz-LVs, prüft auf Lücken und Widersprüche zur Baubeschreibung, unterstützt die Mengenermittlung
- Was beim Menschen bleibt
- Prüfung der Mengen, fachliche Prüfung, Verantwortung
Rechnungen und Nachträge prüfen
- Leistungsphase
- LPH 8
- Was die KI übernimmt
- Gleicht Nachtragsforderungen mit Vertrag, LV und Schriftverkehr ab; prüft Rechnungen gegen Hauptvertrag, beauftragte Nachträge sowie bereits geprüfte und gezahlte Rechnungen
- Was beim Menschen bleibt
- Bewertung und Entscheidung
Erfahrungen aus abgeschlossenen Projekten nutzen
- Leistungsphase
- nach LPH 9
- Was die KI übernimmt
- Wertet Unterlagen abgeschlossener Projekte aus, zeigt wiederkehrende Probleme und eingetretene Risiken
- Was beim Menschen bleibt
- Einordnung, Ableitung für das nächste Projekt
Wie KI beim Erstellen von Leistungsverzeichnissen konkret hilft, beschreibe ich ausführlich im Artikel Leistungsverzeichnis erstellen: Nachträge vermeiden und KI sinnvoll nutzen.
Praxisbeispiel: Hat der Bauherr das freigegeben?
Mit KI läuft das heute anders. Man stellt die Frage in normaler Sprache, etwa „Wurde die Ausführung der Fassadenplatten in Variante B freigegeben?“. Die Antwort kommt mit Quelle: welches Dokument, welches Datum, wer freigegeben hat. Das spart nicht nur Zeit. Es gibt Sicherheit in einer Situation, in der eine falsche Annahme schnell teuer wird.
Wie kann ein Büro mit KI aus abgeschlossenen Projekten lernen?
Am Ende eines Projekts sollten die Erfahrungen ausgewertet werden: Was lief gut, was nicht, was machen wir beim nächsten Mal anders? In der Praxis passiert das selten. Wenn ein Bauprojekt endet, sind die Beteiligten längst in neuen Projekten. Das Wissen bleibt bei Einzelnen, die Kollegen im nächsten Projekt erfahren wenig davon. So wiederholen sich Fehler, die im Büro eigentlich bekannt sind.
KI kann hier helfen. Sie wertet Schriftverkehr, Protokolle, Nachträge und Terminpläne eines abgeschlossenen Projekts aus und zeigt, wo es Probleme gab: welche Leistungsbeschreibungen zu Nachträgen geführt haben, wo Termine nicht gehalten wurden, welche Risiken eingetreten sind. Daraus lassen sich beispielsweise Leistungsverzeichnisse, Vertragsbausteine und Terminpläne für das nächste Projekt verbessern und Risiken realistischer einschätzen. Vor allem steht dieses Wissen dann dem ganzen Büro zur Verfügung, nicht nur denen, die dabei waren.
Die Einordnung, warum etwas schiefging, braucht weiterhin die Menschen, die dabei waren. Und ein Büro muss bereit sein, offen über eigene Fehler zu sprechen. Aber zum ersten Mal ist es realistisch, dass das Wissen aus einem Projekt nicht mit dem Projekt endet.
Was kann KI im Architekturbüro nicht?
KI findet nur, was dokumentiert ist. Eine mündliche Absprache auf der Baustelle kennt sie nicht. Sie kann sich irren, Zusammenhänge falsch einordnen oder eine Aufgabe übersehen, die man selbst aus dem Gespräch kennt. Bei wichtigen Entscheidungen sollte man die genannte Quelle deshalb immer selbst öffnen.
Eine Grenze wird oft übersehen. Vieles, was auf der Baustelle gebaut wird, steht weder in den Ausführungsplänen noch im Leistungsverzeichnis. Wie ein Detailpunkt ausgeführt wird, ergibt sich aus Erfahrung und aus dem, was am Bau üblich ist. Die ausführende Firma macht es so, wie sie es immer macht, und Bauleitung und Architekt gehen davon aus. Dieses Wissen steckt in den Köpfen der Beteiligten. Und was selbstverständlich ist, schreibt niemand auf, also kann es auch keine KI lernen. KI kann allerdings helfen, solche Lücken sichtbar zu machen, bevor sie auf der Baustelle zum Streitpunkt werden. Füllen muss sie der Mensch mit seiner Erfahrung.
Die Verantwortung für Planung, Ausschreibung und Objektüberwachung bleibt nach HOAI und Berufsrecht beim Architekten. KI liefert Vorarbeit, keine Entscheidung.
Was muss sich am Bau ändern, damit KI wirklich hilft?
Am Bau wird vieles mündlich vereinbart und per Handschlag besiegelt. Das hat seinen Wert: Was besprochen ist, gilt. Für eine KI existiert eine solche Absprache aber nicht, solange sie nirgends festgehalten ist.
Daraus folgt ein Umdenken, fast ein Paradigmenwechsel. Wer heute eine Absprache dokumentiert, erntet oft Misstrauen, weil es nach Absicherung für einen späteren Streit aussieht. Künftig sollte Dokumentation einen anderen Zweck haben: das Wissen eines Projekts so festzuhalten, dass eine KI damit arbeiten kann. Nicht aus Misstrauen, sondern damit nichts verloren geht.
Das liegt im Interesse aller Beteiligten. Bauherr, Planer und ausführende Firmen wollen am Ende dasselbe: ein gutes Projekt, das im Termin fertig wird und bei dem alle Geld verdienen. Je vollständiger das Projektwissen festgehalten ist, desto mehr kann die KI leisten. Sie kann auf Punkte hinweisen, die noch niemand besprochen hat, offene Fragen mit Fristen nachhalten und die Informationsflut sortieren, die heute jeder im Kopf behalten muss.
Wie führt ein Planungsbüro KI ein?
Für Büros mit 5 bis 50 Mitarbeitenden hat sich ein schrittweises Vorgehen bewährt. Aus meiner Erfahrung mit der Einführung von BIM und Lean Management gilt dabei: Neue Methoden setzen sich durch, wenn sie ein echtes Alltagsproblem lösen, nicht wenn sie verordnet werden.
- 1
Ein konkretes Problem wählen.
Nicht „KI einführen“, sondern zum Beispiel „Freigaben schneller finden“ oder „Protokollaufgaben nicht mehr übersehen“.
- 2
Regeln festlegen.
Welche Daten dürfen in welches System? Eine kurze KI-Richtlinie fürs Büro schafft Klarheit, auch gegenüber Bauherren.
- 3
Mit einem Projekt starten.
Ein laufendes Projekt mit einem kleinen Team, das Lust auf Neues hat.
- 4
Schulen und dokumentieren.
Zeigen, wie man gute Fragen stellt und Ergebnisse prüft. Das erfüllt zugleich die Schulungspflicht nach dem AI Act.
- 5
Nach drei Monaten auswerten.
Was hat Zeit gespart, was nicht? Erst dann auf weitere Projekte ausweiten.
Häufige Fragen zu KI in der Architektur
Kann KI Architekten ersetzen?
Nein. KI übernimmt Such-, Sortier- und Textarbeit, aber keine Verantwortung für Planung und Ausführung. 86 % der Architekturbüros, die KI nutzen, halten es laut ifo für schwer oder unmöglich, Berufserfahrung durch KI zu ersetzen.
Welche KI nutzen Architekten?
Die meisten Büros nutzen allgemeine Werkzeuge wie ChatGPT oder Microsoft Copilot, dazu Visualisierungs-Tools und KI-Funktionen in CAD- und BIM-Software. Für die Projektabwicklung braucht es eine KI, die auf die eigenen Projektunterlagen zugreifen kann.
Ist ChatGPT im Architekturbüro erlaubt?
Grundsätzlich ja, aber nicht für alle Daten. Personenbezogene und vertrauliche Projektdaten dürfen nur in Systeme, für die ein Auftragsverarbeitungsvertrag besteht und deren Datenverarbeitung geklärt ist. Zudem gilt die Schulungspflicht nach dem EU AI Act.
Was kostet KI für ein Architekturbüro?
Allgemeine KI-Werkzeuge kosten rund 20 bis 30 Euro pro Nutzer und Monat. Branchenlösungen mit Zugriff auf Projektdaten liegen meist höher. Entscheidend ist der Vergleich mit der eingesparten Suchzeit.
Wofür lohnt sich KI im Ingenieurbüro?
Für dieselben Aufgaben wie im Architekturbüro: Informationen in Projektunterlagen finden, Berichte und Erläuterungstexte vorbereiten, Aufgaben aus Mails und Protokollen erkennen und Wissen aus abgeschlossenen Projekten sichern.

Über den Autor
Thomas Strang
Chief Business Officer, MittelstandGPT
Thomas Strang ist Chief Business Officer bei MittelstandGPT. Der Diplom-Bauingenieur (FH Aachen, Vertiefung Baubetrieb) bringt 24 Jahre Erfahrung im Projekt- und Bauwesen mit, davon 17 Jahre in Führungsrollen.
Er war Bauleiter, Projektleiter bei ECE und zuletzt Geschäftsbereichsleiter Projektrealisierung bei der Sprinkenhof GmbH in Hamburg. Dort baute er den Bereich von 15 auf 90 Mitarbeitende aus und verantwortete rund 80 Neubau- und Sanierungsprojekte mit 4,5 Milliarden Euro Volumen, darunter als Projektdirektor die Revitalisierung des Congress Center Hamburg. Er hat BIM, Lean Management und integrierte Projektabwicklung in die Praxis eingeführt.
Quellen
- Deutsches Architektenblatt: KI verändert das Architekturbüro (ifo-Konjunkturumfrage, Mai 2026)
- Deutsches Architektenblatt: Wissenspaket KI in der Architektur




