
Fachbeitrag · Ausschreibung & LV
Leistungsverzeichnis erstellen:Nachträge vermeiden und KI sinnvoll nutzen
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Kurz gesagt
Wer im Architektur-, Ingenieur- oder Planungsbüro ein Leistungsverzeichnis erstellen muss, entscheidet zu einem großen Teil schon darüber, wie viele Nachträge später kommen. Die häufigsten Ursachen sind bekannt: nicht benannte Lücken in der Planung, unklare Schnittstellen, nicht ausgeschriebene Besondere Leistungen und Ausführungsdetails, die stillschweigend vorausgesetzt werden. KI kann helfen, bewährte Texte aus Altprojekten wiederzufinden, die Mengenermittlung zu unterstützen und das LV vor dem Versand auf Lücken und Widersprüche zu prüfen. Prüfung und Verantwortung bleiben beim Planer.
In 24 Jahren im Bauwesen habe ich Leistungsverzeichnisse von allen Seiten erlebt: als Bauleiter auf Seiten der ausführenden Firma, als Projektleiter und zuletzt auf Bauherrenseite. Dieser Beitrag richtet sich an alle, die in der Leistungsphase 6 regelmäßig Leistungsbeschreibungen und Ausschreibungstexte verfassen. Er erklärt keine Grundlagen, sondern zeigt aus Bauherrensicht, wo Leistungsverzeichnisse in der Praxis scheitern und wo KI heute einen echten Beitrag leistet.
Leistungsverzeichnis erstellen: Worauf kommt es bei Aufbau und Positionsarten an?
Vorbemerkungen nicht als Sammelbecken nutzen. Aus Altprojekten kopierte Vorbemerkungen enthalten oft Regelungen, die nicht zum Projekt passen oder den Positionen widersprechen. Jede Vorbemerkung sollte projektbezogen geprüft werden.
Bedarfspositionen vermeiden. Nach § 7 VOB/A sind sie grundsätzlich nicht aufzunehmen. Wo sie unvermeidbar sind, verzerren sie den Angebotsvergleich und sollten die Ausnahme bleiben.
Wahlpositionen bewusst einsetzen. Jede Wahlposition verschiebt eine Entscheidung nach hinten. Sie sollte spätestens vor Auftragserteilung getroffen sein.
Pauschalpositionen klar abgrenzen. Unscharf umrissene Pauschalen sind eine häufige Streitquelle bei der Abrechnung.
STLB-Texte projektbezogen ergänzen. Standardtexte sind eine gute Basis, ersetzen aber nicht die projektspezifischen Angaben zu Anschlüssen, Details und Randbedingungen.
Warum sind Vorbemerkungen ein unterschätztes Risiko?
Vorbemerkungen bestehen in der Praxis oft aus Texten, die irgendwann für eine frühere Ausschreibung geschrieben und seitdem weitergereicht wurden. Sie sollen den Auftraggeber absichern, etwa für Leistungen, die im LV selbst nicht erfasst sind. Mit jedem Projekt werden sie länger.
Das Problem zeigt sich nach der Vergabe. Die Ausschreibungsspezialisten, die das LV erstellt haben, scheiden als aktive Beteiligte aus dem Projekt aus, Bau- und Projektleitung übernehmen. Bei der Vielzahl an Themen auf der Baustelle und dem Umfang der Vorbemerkungen werden diese von den handelnden Personen auf Auftraggeber- und Auftragnehmerseite in der Regel nicht gelesen. Was dort geregelt ist, kommt erst im Streitfall wieder auf den Tisch.
Dazu kommen zwei weitere Schwachstellen: Ob einzelne Regelungen überhaupt mit der VOB vereinbar sind, ist häufig strittig. Und viele Vorbemerkungen verweisen auf Normen und Regelwerke, die längst ersetzt sind.
Kürzere, projektbezogene Vorbemerkungen werden eher gelesen. Und was gelesen wird, wird auf der Baustelle auch eingehalten.
Leistungsverzeichnis-Muster: Wie sieht eine eindeutige Position aus?

Innenwand aus Kalksandstein, d = 17,5 cm, liefern und mauern.
Tragende Innenwand aus Kalksand-Plansteinen nach DIN EN 771-2, Festigkeitsklasse 12, Rohdichteklasse 2,0, Wanddicke 17,5 cm, vermauert in Dünnbettmörtel. Geschosshoch bis 2,75 m. Öffnungen werden gesondert vergütet. Abrechnung nach DIN 18330.
Welche Fehler im Leistungsverzeichnis führen zu Nachträgen?
Ein Punkt vorweg: Die Regel „erst ausschreiben, wenn die Planung fertig ist“ ist in der Praxis ein hehres Ziel. Eine Planung ist nie vollständig fertig. Sie wird nur bis zu einem wirtschaftlich sinnvollen Detaillierungsgrad geführt, der Rest wird über das LV oder auf der Baustelle geklärt. Und oft zieht sich die Planung hin, während ausgeschrieben werden muss, um den Gesamtterminplan zu halten. Entscheidend ist deshalb, wie man mit noch offener Planung ausschreibt.
Aus Bauherrensicht habe ich immer wieder dieselben Ursachen für Nachträge gesehen. Fast alle hätten sich bei der Erstellung des Leistungsverzeichnisses vermeiden lassen:
Ausschreibung bei noch offener Planung, ohne die Lücken zu benennen
- Folge auf der Baustelle
- Leistungen fehlen oder ändern sich, Nachträge für geänderte Leistungen
- Gegenmaßnahme
- Offene Punkte bewusst benennen und über LV-Texte regeln
- Wie KI hilft
- Erkennt noch nicht geplante Bereiche und schlägt auf Basis von Altprojekten Lösungen vor, um die Lücken zu minimieren
Unklare Schnittstellen zwischen Gewerken
- Folge auf der Baustelle
- Leistungen fallen zwischen zwei Firmen durch oder werden doppelt bezahlt
- Gegenmaßnahme
- Schnittstellen in den Vorbemerkungen eindeutig zuordnen
- Wie KI hilft
- Deckt ungeklärte Schnittstellen auf und bringt sie mit den Bearbeitenden zur Klärung
Widersprüche zwischen LV, Plänen und Baubeschreibung
- Folge auf der Baustelle
- Streit, welches Dokument gilt
- Gegenmaßnahme
- Rangfolge der Vertragsunterlagen festlegen
- Wie KI hilft
- Findet die Widersprüche und weist darauf hin, damit sie vor dem Versand aufgelöst werden
Besondere Leistungen nicht ausgeschrieben
- Folge auf der Baustelle
- Firma fordert Vergütung für Leistungen, die keine Nebenleistung sind
- Gegenmaßnahme
- Abschnitt 4 der jeweiligen ATV prüfen
- Wie KI hilft
- Gleicht die Positionen mit den Nebenleistungen und Besonderen Leistungen der ATV ab
Falsche oder geschätzte Mengen
- Folge auf der Baustelle
- Mengenabweichungen und Preisanpassungen
- Gegenmaßnahme
- Mengen nachvollziehbar ermitteln
- Wie KI hilft
- Plausibilisiert die Mengen
Stillschweigend vorausgesetzte Ausführung
- Folge auf der Baustelle
- Jeder versteht unter „wie üblich“ etwas anderes
- Gegenmaßnahme
- Wichtige Details beschreiben statt voraussetzen
- Wie KI hilft
- Macht Stellen sichtbar, an denen das LV etwas voraussetzt
Der letzte Punkt wird oft unterschätzt. Vieles, was auf der Baustelle gebaut wird, steht weder im Plan noch im LV. Es ergibt sich aus Erfahrung und aus dem, was am Bau üblich ist. Das funktioniert, solange alle dasselbe für üblich halten. Tun sie das nicht, entsteht ein Nachtrag.
Was bedeutet es, wenn auch Auftragnehmer das LV mit KI prüfen?
Dieselben Werkzeuge stehen auch den ausführenden Firmen zur Verfügung. Eine KI kann einen Vertrag samt Leistungsverzeichnis in kurzer Zeit auf Lücken, Widersprüche und unklare Schnittstellen durchsuchen und damit Nachtragspotenziale aufzeigen. Was früher ein erfahrener Kalkulator in Tagen herausgearbeitet hat, liegt dann nach wenigen Minuten vor.
Für Planer heißt das: Jedes Leistungsverzeichnis sollte so erstellt werden, als würde es später mit KI geprüft, denn genau das wird zunehmend passieren. Wer sein LV vor dem Versand selbst mit KI auf Lücken prüft, findet dieselben Schwachstellen, bevor es die Gegenseite tut.
Für beide Seiten gilt aber auch: Unklarheiten, die früh erkannt werden, lassen sich in der Angebotsphase über Bieterfragen klären. Das ist für das Projekt fast immer besser als ein Streit auf der Baustelle.
Wie hilft KI bei Ausschreibung und Leistungsverzeichnis?
Beim Leistungsverzeichnis am Bau ersetzt KI den Planer nicht, kann ihm aber viel Such- und Schreibarbeit abnehmen. Voraussetzung ist, dass sie auf die Unterlagen des Büros zugreifen kann, aus früheren wie aus laufenden Projekten: Pläne, Baubeschreibungen, Leistungsverzeichnisse, Nachträge und Projektkorrespondenz. Ebenso wichtig ist, dass sie die aktuellen Normen und gesetzlichen Vorgaben kennt. Wer nur auf alte Leistungsverzeichnisse zurückgreift, übernimmt sonst auch deren veraltete Normverweise.
Positionstexte
- Was KI übernehmen kann
- Entwürfe aus bewährten Texten früherer Projekte des Büros, angepasst an das aktuelle Projekt
- Was beim Menschen bleibt
- Fachliche Prüfung und Freigabe
Wissen aus Altprojekten
- Was KI übernehmen kann
- Findet bewährte Ausschreibungen und Lösungen aus abgeschlossenen Projekten als Best Practice, damit nichts doppelt erarbeitet wird
- Was beim Menschen bleibt
- Entscheidung, was auf das neue Projekt passt
Mengenermittlung
- Was KI übernehmen kann
- Unterstützt beim Ableiten der Mengen aus Plänen und Modellen
- Was beim Menschen bleibt
- Prüfung der Mengen
Vollständigkeit
- Was KI übernehmen kann
- Gleicht LV mit Baubeschreibung und Plänen ab, weist auf fehlende Leistungen und Widersprüche hin
- Was beim Menschen bleibt
- Bewertung der Hinweise
Schnittstellen
- Was KI übernehmen kann
- Zeigt, welche Leistungen in mehreren Gewerken oder in keinem vorkommen
- Was beim Menschen bleibt
- Zuordnung der Leistung
Erfahrungen aus Nachträgen
- Was KI übernehmen kann
- Wertet Nachträge früherer Projekte für das jeweilige Gewerk aus und zeigt, welche Formulierungen zu Streit geführt haben
- Was beim Menschen bleibt
- Ableitung für die neue Ausschreibung
Normen und Rechtskonformität
- Was KI übernehmen kann
- Gleicht Texte mit den hinterlegten DIN-Normen, der VOB und weiteren Vorgaben ab, weist auf veraltete Verweise und strittige Formulierungen hin
- Was beim Menschen bleibt
- Fachliche und rechtliche Bewertung
Wie bereitet man das LV schon für die spätere Suche vor?
Das Auftrags-LV wird nach der Vergabe von Bauleitung und Arbeitsvorbereitung immer wieder durchsucht, zunehmend mit KI-Unterstützung. Wer das LV erstellt, geht ohnehin jede Position einzeln durch. Das ist der beste Moment, um an relevanten Positionen Merkpunkte für die spätere Projektabwicklung zu setzen.
Das wichtigste Beispiel sind Bestellfristen. Viele Bauteile haben lange Vorlaufzeiten und müssen Monate vor dem Einbau bestellt werden. Steht an der Position ein Hinweis wie „Bestellvorlauf erfahrungsgemäß 6 Monate vor Anlieferung“, kann die KI diese Information später finden und rechtzeitig darauf hinweisen. Weitere sinnvolle Merkpunkte sind erforderliche Bemusterungen, Freigaben durch den Bauherrn und Prüf- oder Abnahmetermine.
So wird schon bei der Ausschreibung Wissen festgehalten, das später auf der Baustelle Zeit und Ärger spart.
Häufige Fragen zum Leistungsverzeichnis
Gibt es eine Vorlage für ein Leistungsverzeichnis?
Eine allgemeingültige Vorlage gibt es nicht, weil jedes Projekt anders ist. Als Grundlage dienen das Standardleistungsbuch STLB-Bau, die Hinweise in Abschnitt 0 der ATV der VOB/C und bewährte Leistungsverzeichnisse aus eigenen früheren Projekten. Ausgetauscht werden Leistungsverzeichnisse meist im GAEB-Format.
Kann KI ein Leistungsverzeichnis erstellen?
KI kann Positionstexte entwerfen, bei der Mengenermittlung unterstützen und das LV auf Lücken und Widersprüche prüfen. Ein vollständiges, verantwortbares Leistungsverzeichnis entsteht aber erst durch die Prüfung und Erfahrung des Planers. Die Verantwortung bleibt bei ihm.
Wie lässt sich das Nachtragsrisiko schon im Leistungsverzeichnis senken?
Vor allem durch einen bewussten Umgang mit noch offener Planung, eindeutige Schnittstellen in den Vorbemerkungen, ausgeschriebene Besondere Leistungen nach Abschnitt 4 der ATV und beschriebene statt vorausgesetzte Details. Wertvoll ist außerdem die Auswertung der Nachträge früherer Projekte: Sie zeigt, welche Formulierungen im eigenen Büro immer wieder zu Streit führen.
Wie nutzt man Leistungsverzeichnisse aus Altprojekten sinnvoll?
Als Ausgangspunkt, nicht als Kopiervorlage. Bewährte Positionstexte sparen Zeit, müssen aber an Planung, Details und Randbedingungen des neuen Projekts angepasst werden. Eine KI, die auf die Projektablage des Büros zugreift, findet passende Texte und die Erfahrungen dazu deutlich schneller als die manuelle Suche.

Über den Autor
Thomas Strang
Chief Business Officer, MittelstandGPT
Thomas Strang ist Chief Business Officer bei MittelstandGPT. Der Diplom-Bauingenieur (FH Aachen, Vertiefung Baubetrieb) bringt 24 Jahre Erfahrung im Projekt- und Bauwesen mit, davon 17 Jahre in Führungsrollen.
Er war Bauleiter, Projektleiter bei ECE und zuletzt Geschäftsbereichsleiter Projektrealisierung bei der Sprinkenhof GmbH in Hamburg. Dort baute er den Bereich von 15 auf 90 Mitarbeitende aus und verantwortete rund 80 Neubau- und Sanierungsprojekte mit 4,5 Milliarden Euro Volumen, darunter als Projektdirektor die Revitalisierung des Congress Center Hamburg. Er hat BIM, Lean Management und integrierte Projektabwicklung in die Praxis eingeführt.
Quellen
- VOB/A 2019, § 7 Leistungsbeschreibung (lxgesetze.de)




